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Nun habe wir es hinter uns, zwei Lawinen und zwei Tage Medienberichterstattung
darüber.
Gegen Lawinen kann man auch nichts tun, aber man weiß wenigstens
wie sie entstehen. „Der alpine GAU in Galtür verursacht ein Bild
der Verwüstung, der den Folgen eines Bombenangriffs gleichkommt:
In einer geröllartigen Wüste aus meterhoch aufgeworfenem Schnee
stecken Holzlatten und geborstene Bäume wie in einem überdimensionalen
Aspik, Steine, Ziegel und Geröll sind in die zementartig verdichtete
Masse eingelagert. (© NEWS) Aber wie entsteht sowas?
Die Vermutung, daß der Aspikmasse BSE-haltige Gelatine beigement
war, und das Gehirn des Redakteurs zu einer zementartig verdichteten
Masse verkommen ließ, mag so abwegig nicht sein. Aber die Betroffenheit
setzt der Kreativität auch enge Grenzen. Während auch die schlimmsten
Tornados noch lustige Namen wie "Sandy" oder "Bart" bekommen, wirbelt
hier der Staub die Wörter durcheinander. „Die Killerlawine“ (© Kronen
Zeitung), „Die Todelawine“ (© NEWS), „Die Katastrophenlawine“ (©
KURIER), „Die Jahrhundertlawine“ (© Wendelin Weingartner) zeigt,
die geistige Eiszeit die gleichzeitig ausgebrochen ist. Betroffen
sind schließlich nicht die Menschen in Galtür, sondern die Politiker
und Journalisten. Betroffen leitet sich von betreffen ab, von betroffen
zu besoffen ist es vielleicht ein kleiner Schritt für die Menschheit,
für denkende Menschen sollte es ein großer sein. Hätten die Leute
nur auf Dr. Mayr gehört: "Am besten ist es, erst gar nicht von einer
Lawine verschüttet zu werden" (© Kronen Zeitung). Man soll eben
immer tun, was der Doktor sagt.
Auch die Auslandspresse kann sich der Faszination nicht entziehen.
Gerade noch einen „Tod im Idyll“ können die deutschen Kollegen aufs
Papier hauchen, „Es fehlt der Atem, es fehlen die Worte“ (© Süddeutsche
Zeitung). Das hektische hin und her im „Weißen Grab“ beschreiben
andere: „Urlauber, die in Panik durch den Ort rennen – nur eins
wollen: RAUS!“ (© BILD Zeitung). „Der Weiße Tod in den Alpen“ selbst
schreibt ein „Tagebuch des Schreckens“ (© Berliner Morgenpost).
„Lawinen sind höhere Gewalt“, das erklärt auch schlüssig warum ein
„Wintermärchen zum Horrortrip“ (© Frankfurter Rundschau) werden
konnte. Kühlen Kopf bewahren einige Schweizer, und wittern „heikle
Rechtsfragen auf Grund der momentanen Schneelage: Wer bezahlt die
Zwangsferien?" (© Neue Zürcher Zeitung). Andere Eidgenossen genießen
das „Chaos im Toten-Dorf „ denn „alle Überlebenden wußten: Die Gefahr
ist noch nicht gebannt! „(© BLICK). Und die Stimmung im Heiligen
Land? „Galtür wird zur Todesfalle“ (© KURIER) und „In Ischgl herrscht
Panik: Die Eingeschlossenen bangen ihrer Hoffnung entgegen. Im Nobelskiort
Lech tragen die Touristen die Situation mit Fassung“ (© NEWS) .
Man sieht, die Bourgeoisie trägt ihr Schicksal eben gefasster als
das Proletenpack.
Was tut die Politik. Es herrscht der „Polit-Schock“ (© NEWS), über
dieses „Lassing in den Alpen“ (© DIE PRESSE). „Der Schock sitzt
tief. Der österreichische Nationalrat hat der Lawinenopfer von Galtür
gedacht, das Tagesprogramm umgestellt, ... (© DIE PRESSE). Politik
in Österreich beschränkt sich bekanntlich auf ziemlich weniges.
Seit neuestem nicht einmal mehr auf Wahlen. Da werden nicht nur
„alle Veranstaltungen abgesagt, sondern auch alle Inserate und Kino-Spots
storniert“; auch „Plakate werden eingezogen oder zum Zeichen der
Trauer umgelegt.“ (© Herbert Prock) Der Tiroler Landeshauptmann
Wendelin Weingartner spricht sogar von einem "Jahrhundertereignis"
und dem "schrecklichsten Unglück in Tirol nach dem 2. Weltkrieg"
(© Weingartner/Kronen Zeitung) wurde zur "Chefsache" erklärt, Landes-
und Regierungspolitiker ließen sich in das Katastrophengebiet fliegen.
Andere hatten dieses Glück nicht – „Die Retter waren ausgesperrt“
(© Kronen Zeitung). „Die Normalität hat in Tirol keinen Platz mehr“
(© NEWS). Wie wahr dieser Satz ist, wußte sein Autor, als er ihn
in ganz anderer Intention niederschrieb sicher nicht. Man kann eben
auch aus falschen Gründen bei der richtigen Sache sein. Tirol hätte
er allerdings durch Österreich ersetzen können.
Wer all dies bedenkt könnte auch die NEWS-Frage der Woche: "Hätte
das Unglück von Galtür verhindert werden können?" mit einem klaren
was weiß ich beantworten.
Währenddessen verkündet die Homepage von Galtür fröhlich: „Nur
hier können Sie noch die wilde und unverfälschte Schönheit der Bergwelt
und der Natur so richtig genießen.“ Was für ein Tag. Wieder zuhause
höre ich mir erstemal die neusten Katastrophen in den Nachrichten
an.
Alles in allem war es doch noch ein gelungener Tag.
(Alle Zitate aus den OnLine Ausgaben der genannten
Medien vom 25.2.1999)
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